In-vitro-Fleisch – »Das Ende der Nutztierhaltung erfordert vor allem eine ethische Revolution«

Richard David Precht prognostiziert im veganmagazin-Interview das Ende der Nutztierhaltung durch die technische Innovation und die Marktreife sogenannten Labor- bzw. In-vitro-Fleisches oder auch »cultured meat«. Doch was genau ist dieses In-vitro-Fleisch? Wie ist der aktuelle Stand der Forschung und welches Potential birgt dieses künstlich hergestellte Fleisch für Mensch und Tier?

Um diese Fragen beantworten zu können, haben wir Dr. Arianna Ferrari vom Forschungsprojekt »Visionen von In-Vitro-Fleisch« (VIF) interviewt. Sie untersucht die Wechselwirkungen zwischen dieser Innovation und der Gesellschaft.

Dr. Arianna Ferrari
Dr. Arianna Ferrari
Forschungsbereichsleiterin
Forschungsbereich Innovationsprozesse und Technikfolgen
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
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Presse, Kommunikation und Marketing

Was genau ist In-vitro-Fleisch oder auch »cultured meat«?

In-vitro-Fleisch ist ein in einer Petrischale gezüchtetes Gewebe, das in der Regel aus Stammzellen stammt. Diese Stammzellen werden mittels einer Muskelbiopsie einem Tier entnommen und in einem Nährmedium kultiviert, bis sie sich zu einem Muskelgewebe ausbilden.

»cultured meat« hört sich modern an, gibt es aber nicht erst seit gestern. Wann wurde das erste Laborfleisch entworfen?

Bereits 1927 schilderte John B.S. Haldane, indisch-britischer Biologe, die Möglichkeit, Fleisch im Labor zu züchten, ohne dabei ganze Tiere töten zu müssen. Das erste Stück In-vitro-Fleisch wurde am Anfang des 21. Jahrhunderts im Rahmen einer Kunstausstellung geschaffen. Dabei ging es eigentlich um die Reflexion über die neuen Möglichkeiten der Biologie und Medizin. 2013 bekam In-vitro-Fleisch mediale Aufmerksamkeit mit der Vorstellung des ersten Burgers aus Rinderstammzellen auf einer Pressekonferenz in London.

Sie forschen am renommierten Karlsruher Institut für Technologie zum Thema Visionen von In-vitro-Fleisch. Was genau untersuchen Sie dort?

Die Analyse der technischen und gesamtgesellschaftlichen Aspekte und Visionen von In-vitro-Fleisch (VIF) ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt, das die Wechselwirkungen zwischen Zukunftsvorstellungen, Forschung und Gesellschaft untersucht. In-vitro-Fleisch ist eine neue Technologie in einer sehr frühen Phase, die nicht nur forschungspolitisch relevant ist, sondern auch das Potenzial für eine große Veränderung von Essgewohnheiten aufweist. Wir möchten die Relevanz dieser Innovation für eine nachhaltige Landwirtschaft und eine gerechte Gesellschaft untersuchen.

Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Was können Sie zur Akzeptanz von In-vitro-Fleisch sagen?

Aus unserer Forschung ergibt sich, dass ein Teil der Bevölkerung über ein relativ komplexes Verständnis von Nachhaltigkeit verfügt, die nicht nur die ökologischen Aspekte betrifft, sondern auch die sozio-ökonomischen. In unserer Untersuchung könnten wir beispielsweise Bedenken hinsichtlich möglicher Ungerechtigkeiten bei der Einführung von In-vitro-Fleisch feststellen nach dem Motto: »In-vitro-Fleisch ist billig für die Masse und echtes Fleisch ist nur für die Reichen«. Transparenz in der Produktion und staatlichen Förderung bzw. Kontrolle spielen für Bürgerinnen und Bürger eine wichtige Rolle bei dieser Innovation. Relativ viele hatten dann auch Bedenken über das Leiden der Tiere durch die Entnahme von Zellen: Wenn das der Fall wäre, würde sich In-vitro- Fleisch ethisch nicht lohnen.

Richard David Precht prognostiziert mit der Marktreife des In-vitro-Fleisches das Ende der Nutztierhaltung. Welches Potential sehen sie in der Erforschung dieser Technik?

Für eine Innovation in einer Frühphase sind Prognosen dieser Art aus der Sicht der Technikfolgenabschätzung unmöglich. Man weiß nicht, wie Gesellschaft und Technik sich entwickeln. Das, was wir untersuchen, sind die Vorstellungen über die Zukunft in der Gesellschaft der Gegenwart. Aus unserer empirischen Forschung lässt sich zeigen, dass die Idee von In-vitro-Fleisch fähig ist, nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern auch Experten und Interessenträger zu polarisieren, vor allem was die Frage nach der Legitimität der Tierhaltung angeht. Für einige wird In-vitro-Fleisch als Chance angesehen, nicht nur die Tötung von Tieren, sondern die gesamten Mensch-Tier-Beziehungen in der Landwirtschaft zu überdenken. Andere geben Priorität an die Nachhaltigkeitsaspekte und haben kein Problem mit einer Zukunft, in der Tiere für In-vitro-Fleisch nicht mehr getötet aber weiterhin ad hochgezüchtet (als Zell-Lieferanten) und deshalb gehalten (im Sinne der sog. Nutztierhaltung) werden. Das Ende der Nutztierhaltung wie wir heute kennen erfordert nicht nur eine technische Revolution, sondern (vor allem) eine ethische und politische.

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