Reismilch und vegan als Todesursache? Gezielte Verzerrung der Wirklichkeit

von Christian Vagedes

Es ist immer tragisch, wenn ein Kind stirbt. Aber wie pietätlos ist es, den Tod eines sieben Monate jungen Jungen auszunutzen, um damit Stimmung zu machen?! Stimmung gegen vegane Ernährung. Zu offenkundig schon die Versionen der Überschriften in dem Artikel der Süddeutschen Zeitung. In der ersten Artikel-Version: »Tod durch Reismilch« und in der zweiten dann »Tod nach veganer Ernährung«.

Der Artikel gibt nicht das wieder, was die Überschrift behauptet. Um so wichtiger ist es, darüber zu informieren, dass die Schlagzeile des Beitrages möglicherweise sogar gezielt konstruiert ist. Und zwar deshalb, weil der merkwürdige Beitrag am Ende ein Plädoyer des Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt gegen vegane Kinderernährung enthält. Der führt aber bekanntlich seit Jahren eine Kampagne. Und dieser Beitrag liest sich so, als sei endlich einmal ein (vermeintlicher) »Beweis« gekommen für des Ministers Urteilskraft – und anti-vegane Dauerkampagne. Doch dem ist nicht so. Die offenkundigen Recherchefehler des »Tod durch Reismilch«-Artikels in der Süddeutschen lassen ebenso aufhorchen wie die Falschbehauptungen in zahlreichen vorherigen Kampagnen-Beiträgen, die das veganmagazin sorgfältig widerlegen konnte.

Der SZ-Artikel berichtet über ein Elternpaar aus Flandern. Das betreibt einen Naturkostladen und lässt sich von einem Homöopathen behandeln, dem sie mehr vertrauen als ihrem Arzt. Der Leser erfährt auch, dass das Paar bereits zwei Kinder hat. Die Mutter, so schreibt die Autorin des Zeitungsartikels, kann ihr Kind ab einem bestimmten Moment nicht mehr stillen. Sie hat nicht mehr genug Muttermilch. Also steigt sie um auf Säuglingsnahrung. Doch die verträgt Lucas, so heißt das Baby, nicht. Lucas bekommt davon Koliken. Also probieren die Eltern Milchalternativen aus Buchweizen und Reis. Sie gehen zu spät zum Arzt, behauptet die Autorin, doch der Homöopath schickt sie genau dort sofort hin. Zu spät. Lucas ist dehydriert, unternährt und stirbt.

Was der Artikel komplett verschweigt: Die Eltern von Lucas sind keine Veganer. Mit veganer Ernährung hat das Ganze also eigentlich nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Mutter hat ihrem Kind zunächst nicht-vegane Säuglingsnahrung gegeben, die das Kind nicht vertragen hat. Erst dann hat sie es mit veganen Alternativen versucht. Kaum ein Veganer würde auf die Idee kommen, sein Kind ausgerechnet mit der dünnsten Variante aller Milchalternativen, mit Reismilch, zu füttern.

Gegen die im Raum stehende These, die vegane Ernährung sei schuld und gefährlich stehen Hunderttausende vegane Säuglinge und Kinder, die kerngesund sind – manchmal sind sie gesünder als andere, gerade weil vegane Eltern oft sehr genau darauf achten, was sie ihren Kindern geben.

Nun suggeriert der SZ-Artikel, man hätte den Tod verhindern können. Aber wie schreibt die Autorin nicht. Nur eben bloß nicht vegan? Was genau hätte die Mutter dem Kind dann geben sollen? Dieser Frage geht die SZ-Journalistin nicht einmal nach.

Hätte Kuhmilch das Problem gelöst? Wäre das Kind jetzt noch am Leben?

Doch als Lucas starb, war er erst sieben Monate alt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schreibt über Kuhmilch und Babys als »Fazit« folgendes:

 »Vollmilch als Trinknahrung kann erst nach dem 1. Lebensjahr gegeben werden. Geringe Mengen Vollmilch ­wie sie im Vollmilch-Getreide-Brei enthalten sind ­können frühestens ab dem 6. Monat gefüttert werden. Alle anderen Milchmahlzeiten sollten im 1. Lebensjahr aus Muttermilch oder Säuglingsmilchnahrung bestehen. Kuhvollmilch als Muttermilchersatznahrung, d.h. als Flaschennahrung, ist aufgrund ihrer Zusammensetzung für Säuglinge im 1. Lebensjahr ungeeignet.«

Wir wissen auch, dass Kuhmilch bei Kindern Mikroblutungen im Darm auslösen kann.

Der Tod des kleinen Jungen ist tragisch und traurig, unser Mitgefühl gilt den Eltern. Doch mit veganer Ernährung hat dieser Beitrag nichts zu tun. Fassen wir noch einmal zusammen: Die Eltern von Lucas sind keine Veganer, Kuhmilch hätte er noch nicht bekommen dürfen. Muttermilch wäre das Beste gewesen, die nicht-vegane Säuglingsnahrung hat er nicht vertragen. Aber »Schuld« am Tod soll die Buchweizenmilch sein? Das kann so nicht stimmen.

Dieser SZ-Beitrag ist leider ein neuer Höhepunkt für den Sinkflug des »Qualitätsjournalismus«.

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