unsere neuen helden

von daniel schneider

wir alle erinnern uns an die helden unserer kindheit. helden, die allem übel zum trotz stark sind und für eine ehrenwerte sache kämpfen, egal wie widrig die umstände auch sein mögen. schon unsere kinder und kindeskinder haben sich mit ihren persönlichen helden identifiziert, sich durch sie inspirieren lassen und zu ihnen aufgesehen.
blockbuster und kinderbücher sind gefüllt mit fantastischen heldengeschichten, die uns zeigen, was mut und tapferkeit bedeuten. doch wir müssen nicht immer in fiktiven welten und geschichten nach helden suchen, denn es gibt sie auch unter uns.

ritter der nacht

statt mit schwert und schild ziehen sie mit nachtsichtgerät und versteckter kamera ins gefecht und kämpfen für die gerechtigkeit. in comics, oft mit cape und anzug illustriert, tragen die helden unserer zeit overalls, gummistiefel und schwere rucksäcke. die rede ist von tierrechtlern, die mit umfangreichen und erschütternden undercoverrecherchen für mediale aufmerksamkeit sorgen und das tragische leid unserer mitgeschöpfe in der modernen tierhaltung aufdecken.
viele male begeben sich diese menschen selbstlos in gefahr, um tier-quälerei ans licht der öffentlichkeit zu bringen. dabei bekommen sie erschreckendes zu sehen, eben genau das, was der verbraucher an der fleisch- und wursttheke nicht zu sehen bekommt. die meisten von uns können sich die bilder aktueller tierhaltung aufgrund der erschreckenden haltungsbedingungen noch nicht einmal ansehen. für die aktivisten sind sie beinahe alltag. sie ertragen und dokumentieren die zustände in ställen und anlagen, um die verantwortlichen zur rechenschaft zu ziehen.

bilder sagen mehr als worte

erst vor kurzem sorgte eine aktuelle recherche zum thema ferkelzucht in deutschland für große mediale aufmerksamkeit und rief auf politischer und gesellschaftlicher ebene entrüstung hervor. die konsequenz der aufdeckung war die einleitung mehrerer ermittlungsverfahren durch die staatsanwaltschaft inklusive polizeilicher untersuchungen in den angeklagten zuchtanlagen.
die recherche wurde im öffentlich-rechtlichen fernsehen ausgestrahlt und erzielte durch zahlreiche presseberichte eine unglaubliche reichweite. dementsprechend gerieten politik und verantwortliche unter druck. ob und wie die verstöße gegen das tierschutzgesetz in den betrieben geahndet werden, werden die laufenden ermittlungen zeigen. eines ist jedoch klar: die bilder der recherche haben einen bleibenden eindruck hinterlassen.
schon oft sorgten verdeckte recherchen von tierrechtaktivisten für signifikante veränderungen. diverse schließungen von mastanlagen und nerzfarmen, der rücktritt der cdu-agrarministerin astrid grotelüschen im jahre 2010, die abschaffung der käfighaltung in deutschland sowie umfassende auslistungen von nerzöl-und stopfleberprodukten im deutschen handel, um nur einige beispiele der auswirkungen zu nennen. vielen sind auch die bilder der affen aus dem tierversuchslabor covence ein begriff, welche 2003 für einen sturm der entrüstung sorgten und für viele kampagnen gegen tierversuche auch heute noch ein abbild des laboralltags für tiere darstellen.

die liste der erfolge durch verdeckte recherchen ist lang und zeigt eines ganz deutlich:

aufdeckungen und undercoverrecherchen sind höchst effektive maßnahmen, um tierausbeutung aufzudecken und dagegen vorzugehen. sie dienen als grundpfeiler für die voranschreitende veganisierung der gesellschaft, weil sie die wahrheit der industrialisierten tierproduktion ungeschönt ans licht bringen und somit grundlage vieler proteste sowie anstoß persönlicher bewusstseinswandel sind. der erfolg dieser recherchen zeigt sich auch in aktuellen umfragen, etwa an den universitäten in göttingen und hohenheim im juli 2013. demnach zeigen 60 prozent der deutschen eine generelle bereitschaft für einen geringeren fleischkonsum.
der anteil der vegetarier habe sich innerhalb von sieben jahren verdoppelt. 9,5 prozent wollen ihren fleischkonsum bewusst reduzieren. gründe dafür sind auf der einen seite gesundheits- und nachhaltigkeitsmotive, aber eben auch öffentlich geführte tierschutzdebatten, angestoßen von publiziertem recherchematerial der tierrechtsorganisationen.

ein riskantes unterfangen

rechtlich gesehen sind verdeckte recherchen nicht ganz unproblematisch, vor allem wenn rechercheteams unbemerkt in mastanlagen einsteigen. im weitesten sinne machen sich die aktivisten dabei des hausfriedensbruchs schuldig. allerdings ist dieser tatbestand in der regel nicht strafrechtlich relevant und wird im falle einer strafanzeige aufgrund mangelnden öffentlichen interesses oft vom staatsanwalt eingestellt. zum einen, weil hier ein hausfriedensbruch in abgemilderter form vorliegt, denn beim hausfriedensbruch soll die privatsphäre von personen geschützt werden. bei undercoverrecherchen wird aber lediglich die »privatsphäre schweinestall« tangiert, was letztendlich keiner person schadet. zum anderen überwiegt das öffentliche interesse an der aufdeckung von missständen in der tierhaltung, was somit höher zu gewichten ist als der unerlaubte zutritt in die privatsphäre stall.
im großen und ganzen sind recherchen trotzdem ein riskantes unterfangen, da im falle einer anzeige immer die milde der staatsanwaltschaft eine rolle spielt. das team der organisation animal rights watch e.v. beruft sich bei ihrer arbeit auf den §34 stgb. demzufolge handelt derjenige, der eine tat begeht, um eine gefahr für sich oder andere abzuwenden, nicht rechtswidrig. laut jürgen foß, dem vorsitzenden der organisation, sind verdeckte recherchen die einzige möglichkeit, um zustände in der tierhaltung aufzudecken, »da staatliche kontrollen kontinuierlich versagen und zudem die alltäglichen grausamkeiten vor der öffentlichkeit versteckt werden.«

wie im falschen film

nicht selten wird den tierschutzaktivisten vorgeworfen, dass sie ein risiko für den seuchenschutz darstellen würden, da sie beim betreten der anlagen keime einschleppen könnten. doch darüber sind sich die erfahrenen rechercheteams natürlich im klaren und achten daher für gewöhnlich bei jedem einsatz darauf, stets saubere schutzkleidung zu tragen, um eben genau dies zu verhindern. auf der anderen seite würden hygienestandards bei vielen bauern und tierhaltern nicht immer eingehalten, bestätigt friedrich mülln der organisation soko tierschutz, selbst langjähriger und bekennender undercoverermittler. »unsere versteckten kamerainstallationen konnten immer wieder schwere hygieneverstöße durch tierhalter selbst dokumentieren. nachweislich ließen sich so einige schwere krankheitsausbrüche in farmen auf tierhalter oder herumreisende tierärzte zurückführen«, so mülln.
nächtliche recherchen sind eine enorme psychische wie physische belastung für die aktivisten und eine der wohl anspruchsvollsten aktivitäten im bereich der tierschutzarbeit. auch deswegen sollte diese arbeit den profis mit langjähriger erfahrung und entsprechender ausrüstung überlassen werden.

im namen der liebe

auch wenn die methoden der undercoverrecherchen von agrarverbänden stark kritisiert werden und sie sich die tierschützer in einer rechtlichen grauzone befinden, erfordert die veganisierung unserer gesellschaft eine konsequente und rückhaltlose aufdeckung nicht veganer produktionsverhältnisse, um ein verständnis dafür zu bekommen, wie die verrohung des umgangs mit den mitgeschöpfen auch uns menschen schadet. aufdeckungen und recherchen helfen uns, den zusammen­hang zwischen ausbeutung und eigenem konsumverhalten herzustellen und bringen uns zum umdenken und handeln. sie lassen uns aufhorchen, hinsehen, mitfühlen und aktiv werden und sorgen so für einen tatsächlichen gesellschaftspolitischen wandel.
die vegane lebensweise weist uns dabei einen alternativen weg in die zukunft, auf dem wir mit den tieren frieden schließen können, weil wir sie nicht mehr als produkte missbrauchen. auf diese weise werden wir unserer natur als vernunftswesen gerecht und gründen unsere neue kultur auf einer basis von moralischen überlegungen und mitgefühl.
es ist an der zeit, denen zu danken, die trotz aller risiken nacht für nacht ausschwärmen, um der industriellen tierhaltung ein gesicht zu geben und diese gesellschaftlich anprangern. es ist an der zeit, sie durch eigenen aktivismus tatkräftig in ihrem handeln zu unterstützen, um einen gesellschaftlichen wandel herbeizuführen. es ist an der zeit, dass auch wir zu helden werden.