Die Leute sollen wissen, was sie sich antun

Wenn er nicht gerade vor der Kamera steht, ist er unermüdlich im Einsatz für die Umwelt und die Tiere: Hannes Jaenicke gehört zu den meistbeschäftigten Schauspielern im deutschen Film und Fernsehen — und er hat eine Mission.

Du kommst gerade aus den USA. Gibt es Ausnahmen für Promis?

Ich bin amerikanischer Staatsbürger. Deswegen darf ich trotz Corona-Stop ein- und ausreisen, muss dann aber in Quarantäne beziehungsweise einen Test machen. Ich bin jetzt allerdings seit fünf Monaten das erste Mal wieder drüben gewesen, ich musste meine Steuer machen und ähnlichen Kram.

Normalerweise stehst du ja fast pausenlos vor der Kamera. Und jetzt?

Wir haben die letzten sechs Monate gar nichts gedreht, die Branche ist zum kompletten Stillstand gekommen. Jetzt geht es langsam wieder los mit den laufenden Serien. Andere Projekte sind fast alle auf 2021 verschoben. Insofern habe ich jetzt die Ruhe, eine neue Doku zu machen. Es geht um Wölfe, wir drehen in Rumänien, Italien, Österreich und Deutschland.

Einerseits spielst Du in seichten Unterhaltungsfilmen mit, andererseits engagierst Du Dich für den Umweltschutz. Was bringt Dir mehr?

Das eine ist mein Beruf, von dem ich meine Miete bezahle: Ich bin Schauspieler, drehe Krimis, Dramen und Komödien. Dokus mache ich seit 13 Jahren, 2007 habe ich mit meinem Kameramann und Co-Produzenten Markus Strobel eine eigene Reihe kreiert: »Hannes Jaenicke im Einsatz für…«, die seitdem im ZDF läuft. Das ist meine Freizeitgestaltung.

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Deine Fernsehdokus über bedrohte Tierarten sind preisgekrönt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erreichen sie ein Millionenpublikum. Bewirken sie auch was?

Meine Hoffnung ist, dass Leute a) informiert, b) unterhalten werden und c) vielleicht kurz nachdenken. Seit unserem Film über Haie gibt’s in den meisten deutschen Fischtheken keinen Hai mehr, die deutsch-amerikanische Ozeanschützerin Stefanie Brendl hat in 27 Ländern Anti-Finning-Gesetze durchgesetzt. Nach Ausstrahlung unserer Doku über Lachse sind die Börsenkurse der vier größten norwegischen Lachsanbieter um acht Prozent abgesackt. Man kann also schon etwas damit bewegen. Es gibt aber auch Filme, die sind anscheinend völlig verpufft: Unsere Doku über Eisbären thematisierte Polkappenschmelze und Klimawandel – und das meistverkaufte Auto in Deutschland ist das SUV.

In Deinem Film über Lachsfarmen fragst Du: »Warum sind uns Fische so egal? Weil sie nicht um Hilfe rufen können?« Das gilt doch für alle Tiere, zumindest verstehen wir ihre Sprache nicht. Welche Antworten hast Du gefunden?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und mit diesem Traditionsdenken, dass wir ja immer schon Fleisch und Fisch gegessen haben, machen wir weiter. Das ist auch eine Art Faulheit, wir sind halt bequeme Wesen. Und wenn Jäger sagen, der Mensch hat immer gejagt, dann ist das pervertiertes Traditionsdenken. Ich meine, wir haben auch jahrtausendelang unsere Frauen unbestraft geschlagen, vergewaltigt, nicht wählen und studieren lassen. Das hat sich ja auch irgendwann geändert.

Du befasst Dich mit unfassbarer Gewalt gegenüber Tieren und mit kriminellen Machenschaften der Konzerne. Wie hältst Du all das Leid und die Ungerechtigkeit aus?

Wir sind ja nicht nur gegenüber Tieren grausam, sondern leider auch gegenüber unseren Mitmenschen. Man muss nur die Zeitung aufschlagen und lesen, was in Syrien oder im Jemen passiert. Es ist uns auch völlig egal, dass die T-Shirts, die wir bei H&M, C&A, Kik oder Primark kaufen, unter abartigen Bedingungen hergestellt werden. Hauptsache, wir können munter vor uns hin konsumieren. Wir gucken auch tatenlos zu, wie Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer ersaufen. Der Mensch ist also erstmal ein ziemlich egoistisches, nicht sehr empathisches Wesen. Die Ausnahmen bestätigen die Regel.

Und wie kommst Du persönlich damit klar?

Mich motiviert das, etwas zu unternehmen. Wenn ich mitkriege, was zum Beispiel in Afrika los ist, und da tatenlos zusehe, halte ich das einfach für asozial. In lybischen Flüchtlingslagern gibt es Massenvergewaltigungen, die Leute werden gehalten wie Nutztiere in der Massentierhaltung, und versuchen dann verständlicherweise, mit einem Schlauchboot übers Mittelmeer zu gelangen. Und das gleiche gilt natürlich auch für unsere Biodiversität.

Wie finanzierst Du Deine Filme? Zahlt das ZDF dafür?

Den Umweltschutz, den ich privat mache, finanziere ich ausschließlich über meine Schauspielergagen. Vom ZDF bekommen wir ein Budget, mit dem wir arbeiten können. Ich bin dafür extrem dankbar, denn das wichtigste ist ja, einen Sendeplatz zu kriegen. Und da ist es mir ehrlich gesagt egal, wenn ich kein großes Budget kriege wie zum Beispiel Terra X.

Du machst auch Werbung für Firmen, unter anderem für Frosch. Warum?

Ich habe zwei Partner, Sodastream und Frosch, um meine Anti-Plastik-Kampagnen zu machen. Frosch ist der erste Reinigungsmittelhersteller, der Plastik komplett im Kreislauf nutzt – damit diese Unmengen, die wir verbrauchen und brav im gelben Sack entsorgen, auch wiederverwertet werden. Und mit einem Sprudler von Sodastream lassen sich pro Jahr und Haushalt im Schnitt 2.500 PET-Flaschen und Dosen sparen. Das habe ich schon spitz bekommen, als ich in meiner Ausbildung in einer völlig mittellosen Schauspieler-WG wohnte: Wir konnten uns gekauftes Wasser nicht leisten, also haben wir es selber gesprudelt.

Was tust Du sonst in Deinem Alltag für den Umwelt- und Tierschutz?

Das fängt damit an, dass ich keinen Wäschetrockner habe. Dass ich keine Tiere esse. Dass ich nur beruflich fliege, privat nie. Dass ich fast alles, was ich besitze, gebraucht kaufe – von Klamotten über Möbel bis zu Sportgeräten. Ich bin begeisterter Surfer, Kiter und Segler, ich hab‘ mir noch nie was Neues gekauft, ich hol‘ mir alles gebraucht. Ich kaufe Fairtrade, Bio und wirklich nur das, was ich brauche. Ich schmeiße nichts weg.

Seit wann isst Du kein Fleisch?

Seit Anfang der 80-er. Ich lebte neun Jahre mit einer sehr erfolgreichen Balletttänzerin zusammen, die wie alle Tänzer versuchte, ihr Gewicht unter Kontrolle zu halten. Mal hat sie makrobiotisch probiert, mal vegan, mal vegetarisch, dann Steak und Salat. Ich bin in der vegetarischen Phase hängengeblieben. Und dann hatte ich das Pech – oder auch das Glück –, dass ich für zwei Drehtage in eine Hühnerfabrik musste. Das war dann sozusagen der Schwanengesang für meinen Fleischkonsum.

Inwiefern?

Vorher hatte ich das einfach mitgemacht: Als Junge oder später als Partner, der nicht kocht, isst Du das, was auf den Tisch kommt. Und die vegetarische oder vegane Variante bekam mir einfach gut. Ich habe überhaupt nichts vermisst, insofern war es für mich auch kein schwerer Schritt, Fleisch aufzugeben. Ich mag die Idee nicht, Lebewesen zu essen, ich mochte Tiere schon als kleiner Junge. Aber ich hatte keine Ahnung, wie Massentierhaltung geht. Das war dann schon so ein Augenöffner, zu sehen, wie Geflügel auf eine total pervertierte Art produziert wird. Darauf hatte ich einfach keinen Appetit mehr.

Und wie bist Du auf vegan gekommen?

Ich bin so ein 90-Prozent-Veganer, seit fünf, sechs Jahren. Das ist in Kalifornien relativ einfach, in Deutschland immer noch ein bisschen schwieriger. Ich lebe hier auf dem Land in Bayern, wenn man was Veganes bestellt, heißt es: »Wir hätten Kartoffelsalat mit Speck.« In meiner Nachbarschaft gibt’s ein nettes, gutbürgerliches Restaurant, da steht in der Speisekarte unter »Vegetarisch«: »Forelle blau« und »Forelle Müllerin«. Das ist das bayerische Verständnis von vegetarischem Essen. Ich sündige gelegentlich bei italienischem Eis, oder wenn irgendwo Schokolade rumliegt.

Warum kochst Du nicht selber?

Mein Frühstück mache ich mir selber, Müsli mit Obst und Hafermilch. Aber ich koche überhaupt nicht. Wirklich nie! Ich komme aus einer Familie mit einer Großmutter, Mutter und großen Schwester, die in der Küche das Sagen hatten. Gott sei Dank habe ich einen großartigen Italiener bei mir im Dorf, der kocht so, dass es für mich genießbar ist. Und mittlerweile gibt es auch ein zweites Restaurant in unserem Dorf, wo man vegane Sachen bekommt. Es verändert sich langsam.

Und was gibt‘s am Set? Für Dich ne vegane Extrawurst?

Lange war ich der einzige Vegetarier, jetzt ist es oft schon ein Drittel des Teams. Die armen Caterer müssen mittlerweile für die Beleuchter kochen, die immer noch ihren Strammen Max und Schweinebraten futtern, für die Vegetarier und für Veganer. Die tun mir irgendwie echt leid, weil es soviel Arbeit macht.

Sie könnten doch einfach vegan für alle kochen.

Ich bin dagegen, dass man Leuten etwas aufzwingt. Gerade als Medienleute haben wir die Pflicht, erstmal zu informieren. Die meisten wissen ja gar nicht, was sie da essen. Und wenn ein Beleuchter sagt, ich kann die schweren Scheinwerfer nur schleppen, wenn ich Schweinebraten esse, dann soll er den weiter essen. Ich bin da völlig unmissionarisch, das soll jeder für sich entscheiden. Alles andere wäre ein Eingriff in die Privatsphäre. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, finde ich.

Und wie ist das privat? Versuchst Du, Deiner Freundin oder Deinen Bekannten ihr Steak madig zu machen?

Nein. Der Partner, mit dem ich die Dokus drehe, ist Ur-Bayer, natürlich isst der Fleisch. Aber er hat das reduziert, nachdem er so viele Jahre diesen ganzen Kram mit mir hat drehen müssen. Die Leute lernen ja dazu. Aber ich bin nicht derjenige, der sagt: »Igitt, Du isst ja Fleisch«. Meine Partnerin isst zum Glück auch vegetarisch, auch das Kind isst kein Fleisch. Man kann Leute nur informieren und animieren, aber man kann ihnen ganz nicht vorschreiben, was und wie sie essen sollen.

Versuchst Du auch, Dich besonders gesund zu ernähren?

Ich bin jetzt kein Ernährungsnazi, ich hätte die Zeit auch gar nicht. Ich glaube, vegan essen ist erstmal per se gesünder als nicht vegan zu essen. Ich esse viel Obst und Gemüse, viele Hülsenfrüchte und Nüsse, sehr viel Olivenöl und andere gesunde Öle. Aber ich bin niemand, der sich besonders schlau macht, wie ich mir einen Smoothie mische oder wie mein Müsli noch gesünder wird. Ich esse völlig normal und vermeide halt tierische Produkte. Außerdem bin ich ein großer Weintrinker – und leider auch Tabakfreund.

Dir wird manchmal Bigotterie vorgeworfen, weil Du für den Umweltschutz eintrittst, aber selbst ein Vielflieger bist. Ist das für Dich kein Widerspruch?

Natürlich ist das ein Widerspruch. Aber ohne Fliegen müsste ich meinen Beruf sofort an den Nagel hängen, sowohl die Schauspielerei als auch die Dokus. Ich hab letztes Jahr Filme in Kanada gedreht, auf Mauritius, in Marokko, Abu Dhabi und Amsterdam. Wie soll das gehen, wenn ich nicht fliege? Aber allein der Fleischverzicht macht meine CO2-Bilanz zum Glück so sauber, dass ich laut einer englischen Studie viermal pro Jahr um den Globus jetten dürfte. Insofern halte ich diesen Vorwurf für ziemlich verlogen. Der kommt von Leuten, die alles päpstlicher haben wollen als der Papst.

Bei öffentlichen Auftritten nimmst kein Blatt vor den Mund, prangerst Politik und Wirtschaft an. Hast Du keine Angst, Deiner Karriere zu schaden?

Angst ist bekanntlich ein schlechter Berater. Und meinen Lieblingsspruch hat mal jemand als Punk-Graffiti an eine Wiener S-Bahn-Station gesprüht: »Angst ist das Tor zur Freiheit«. Ich bin Gott sei Dank kein ängstlicher Mensch. Ich bekomme regelmäßig Morddrohungen, nach der Lachsdoku kam eine Flut von Anwaltsschreiben und Unterlassungserklärungen. Ich habe mich daran gewöhnt.

Wie kann man sich an Morddrohungen gewöhnen?

Ich bin erstaunt, was es an – entschuldige – kleinen, bösartigen, armseligen Wichsern gibt im Netz, die da ihren Hass und ihre vermeintliche Macht rauslassen. Ich ignoriere das einfach. Damit muss man leben. Das sind diese Filterblasen im Netz, wo sich Gleichgesinnte ständig einen runterholen. Das sieht man besonders bei den Rechtsextremen und den ganzen Verschwörungstheoretikern. Dümmer und peinlicher geht‘s nicht.

Umweltschützer finden die meisten ja noch ganz gut, Vegetarier eher weniger – und beim Thema Vegan drehen viele durch. Wie erlebst Du das?

Das liegt aber auch an manchen Veganern. Sie kommen mit einer Humorlosigkeit und einem missionarischen Eifer, da schäme ich mich manchmal. Deswegen war »Game Changers« ein so wichtiger Film: Weil er den Veganismus mal von einem anderen Winkel aus betrachtet. Der militante Eifer vieler Veganer ist kontraproduktiv. Wenn wir eine Pflicht haben, dann ist es die zur Information und Aufklärung. Die Leute sollten wissen, was sie sich antun, wenn sie Lachs essen und Fleisch aus der Massentierhaltung. Man soll sie informieren, aber bitte nicht mit erhobenem Zeigefinger bekehren oder belehren wollen.

Du bist ja ein Aktivisten-Veteran. Wie lassen sich Deiner Erfahrung nach Menschen am besten dazu bewegen, Umwelt und Tiere zu schützen?

Durch möglichst empathische, undogmatische und unterhaltsame Information. Die Millionen Klicks bei unseren Frosch-Spots zeigen: Wenn wir was bewegen wollen, dann müssen Nachhaltigkeit und Umweltschutz a) einen gewissen Sex-Appeal bekommen und b) mit einem gewissen Humor daherkommen. Wenn wir das mit einem dauer-erigierten Zeigefinger machen, mit der Moralkeule, dann erreichen wir genau das Gegenteil.

Wobei Deine Dokus ja durchaus ernsthaft sind.

Natürlich, zunächst geht es ja um Informationen, die nur die wenigsten von uns kennen. Die Leute haben keine Ahnung, wie eine Lachsfarm aussieht. Selbst ich dachte bis zur Recherche für diesen Film, dass es besser ist, Fisch aus der Fischfarm zu essen als aus dem offenen Meer. Wir lesen jeden Tag über die gnadenlose Überfischung der Weltmeere. Was diese Farmen anrichten mit der Natur, wusste ich selber nicht! Und das ist eben dieses Informationsdefizit, von dem ich dauernd spreche. Meine Filme sollen unterhalten und gleichzeitig aufklären – auf eine visuell möglichst anspruchsvolle Weise.

Wer sind Deine Helden und Vorbilder?

In jeder unserer Dokus treten drei oder vier auf. Das sind Leute, die ihr Leben der Rettung gewisser Tierarten oder Ökosysteme widmen. Beim Lachsfilm war es Alexandra Morton, wir waren eine Woche zusammen in British Colombia unterwegs. Bei den Geparden Dr. Laurie Marker, bei Elefanten Daphne Sheldrick und Ian Douglas-Hamilton. Es macht natürlich einen Höllenspaß, Gleichgesinnte zu treffen, bei denen man sieht: »Wow, die bewegen wirklich was«.