Kostja Ullmann:

»Irgendeinen Sinn wird es haben«

Interview: Katrin Kasper

Wegen Corona hocken ja die meisten zu Hause. Was macht ein Schauspieler, der nicht drehen darf?

Ich sitze auf dem Balkon, genieße das Wetter und koche wahnsinnig viel. Normalerweise bin ich viel unterwegs, die Sachen im Kühlschrank verschimmeln. Also gehe ich lieber essen oder bestelle etwas. Jetzt durch Corona habe ich gelernt, richtig einzukaufen und zu kochen. Zum ersten Mal in meinem Leben ist mein Kühlschrank richtig voll. Da ist gleich für mehrere Tage was drin und ich kann mir jeden Tag etwas anderes machen. Das macht wahnsinnig viel Spaß! Ich nehme mir Zeit, schnipple lange rum und genieße das.

Was kochst Du Dir so?

Ich bin viel in der asiatischen Küche unterwegs und probiere alle möglichen Reisgerichte. Lecker sind auch Udon-Nudeln mit Gemüse und Tofu – den mariniere ich in Teriyaki-Sauce und brate ihn schön knusprig an. Aber ich liebe auch die italienische Küche, und probiere ab und zu diese ganzen veganen Schnitzel und was es da so alles gibt. Gefühlt kommen ja wöchentlich neue vegane Produkte auf den Markt! Natürlich muss man gucken, dass man nicht zu viel Zucker, Farbstoffe und so zu sich nimmt. Aber in Summe ernähre ich mich vegan sehr viel gesünder als früher.

Wie kam es zu der Umstellung?

Meine Eltern sind Vegetarier, seit ich denken kann, und meine Schwester, seit sie sechs ist. Ich war der einzige Fleischesser in der Familie. Doch vor einem Jahr ungefähr habe ich angefangen, mir abends bei Facebook die Videos von Joey Carbstrong anzugucken. Das ist ein Australier, der sich in Fußgängerzonen setzt mit zwei Stühlen und einem Schild: „Milchtrinken ist Massenmord. Überzeug mich vom Gegenteil“. Da können sich dann Leute dazu setzen und mit ihm diskutieren. Das fand ich unheimlich spannend.

Und seine Argumente haben Dich überzeugt?

Ich habe damals ja extrem gerne und viel Fleisch gegessen. Doch irgendwie dachte ich, das ist alles richtig, was er sagt. Und plötzlich fühlte sich mein Verhalten extrem falsch an. Also sagte ich mir, okay, ich mache jetzt mal einen Tag die Woche vegan und taste mich da so ran. Und als ich den einen Tag vegan verbracht hatte, dachte ich: Das funktioniert sehr, sehr easy. Und am Freitag merkte ich schon, dass wäre super weird, wenn ich jetzt wieder anfange, Fleisch zu essen oder irgendwelche anderen tierischen Produkte. Und das war der Moment, wo ich gesagt habe: Das ziehe ich weiter durch. Und jetzt ist es fast ein Jahr her und ich kann es mir schon gar nicht mehr anders vorstellen. 

Die Umstellung ist Dir kein bisschen schwergefallen?

Ich habe vorher schon kaum Milchprodukte oder Eier gegessen, weil ich sie nicht vertrage. Also sind vor allem Fisch und Fleisch für mich weggefallen. Aber am Ende ist alles Gewohnheit. Inzwischen finde ich den Gedanken, normale Milch zu trinken, richtig ekelhaft. Ich bin jetzt glücklich mit meiner Hafermilch, auch morgens zum Kaffee schmeckt mir die richtig gut. Das ist wahrscheinlich auch eine Kopfsache: Wenn man einmal verinnerlicht hat, wie pervers sich die Menschheit gegenüber den Tieren verhält, ist es die logische Konsequenz, komplett auf tierische Produkte zu verzichten.

Welches Argument hat denn bei Dir am meisten gezogen?

Wir wissen ja, dass das Tiere sind, die man da zu sich nimmt. Und dass Milch von der Kuh kommt, die dafür gemolken werden muss. Aber den Gedanken denkt man ja nie zu Ende, was das wirklich heißt. Also, dass das Tier stirbt, okay. Aber wie stirbt es denn? Den Kühen werden die Kinder weggenommen, die Kälber getötet für Kalbsfleisch, die Kühe werden wieder künstlich befruchtet… Das ist so ein schlimmer Missbrauch – nur, damit wir morgens unsere Milch in den Cornflakes oder im Kaffee haben! Das ist es nicht wert, zumal wir in einer Zeit leben, in der es andere Möglichkeiten gibt. Das ist ja was anderes, wenn du früher auf die Jagd gehen musstest, um Deine Familie zu ernähren. Heute können wir in den Supermarkt gehen und haben die große Auswahl. Da können wir die Nährstoffe auch woanders herbekommen.

Angst vor einer Mangelernährung hast Du nicht?

Es gibt ja viele Diskussionen, beispielsweise, man müsste Fisch essen wegen Omega-3. Aber als ich mich da so ein bisschen reingelesen habe, erfuhr ich, dass der Fisch das Omega-3 ja auch nur über Mikroalgen aufnimmt. Und das können wir Menschen auch auf eine andere Art und Weise – und viel konzentrierter, als wenn wir den Fisch mitessen. Und bei Fleisch und B 12 ist es genauso. Mir haben sich einfach bei so vielen Dingen die Augen geöffnet, wo ich dachte: Wow, irre! Das ist mir ja eigentlich alles irgendwo bewusst gewesen, aber man hat nie den ganzen Prozess gesehen.

Viele wissen darüber Bescheid, ändern aber trotzdem nichts.

Stimmt, denn man muss den Gedanken auch zulassen. Das ist wahrscheinlich genau wie bei einem Raucher, der weiß: Rauchen ist tödlich. Es steht ja sogar auf der Packung drauf. Aber trotzdem muss es bei ihm persönlich Klick machen und er muss sich dafür entscheiden, damit aufzuhören. Und weil ich mich jeden Abend so damit auseinandergesetzt habe, hat es tollerweise irgendwann Klick gemacht bei mir. Und so im Nachhinein kann man es sich gar nicht mehr vorstellen oder ist sogar schockiert, dass man das so viele Jahre nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte.

Das Hinsehen ist ja auch ziemlich schrecklich. Wie bist Du mit den schlimmen Bildern zurechtgekommen?

Ich habe mir nicht viele von diesen grausamen Videos angeschaut, die brauchte es bei mir gar nicht. Die Doku „Game Changers“ habe ich aber vor kurzem angeschaut, das fand ich ganz spannend. Denn das gleiche habe ich auch erfahren: Was Vegan mit meinem Körper gemacht hat. Wie viel besser und fitter ich mich fühle. Das ist aber nur ein schöner Nebeneffekt, vor allem geht es um die Tiere, die nicht leiden und sterben müssen.

In Deiner neuesten Rolle spielst Du einen UBER-Fahrer, der in allem das Positive sieht. Wie gut gelingt Dir das selbst, wenn Du als Veganer in die Abgründe der Menschheit blickst?

Man sieht andauernd irgendwelche Abgründe, man muss ja nur die Nachrichten anschalten. Den Umgang damit haben mich meine Eltern gelehrt: Sie sind vom Buddhismus geprägt, meine Mutter ist der wohl positivste Mensch, den man sich vorstellen kann. Dafür bin ich sehr dankbar. Gerade in meinem Beruf, der viele Unsicherheiten mit sich bringt, ist es wichtig, dass man seine innere Mitte findet und in sich ruht. Sonst würde einen das ja wahnsinnig machen, weil man nie weiß, wie es weitergeht, wann man das nächste Geld verdient.

Blendest Du das Negative einfach aus?

Ich sehe natürlich auch die schlimmen Dinge. Aber man muss eben auch gucken, was man ändern kann, damit es nicht mehr so schlimm ist. Und es dann machen. Ansonsten sollte man sich fragen: Was ist das Positive an der ganzen Sache? Was könnte daraus resultieren? Die Dinge müssen ja nicht immer sofort einen Sinn ergeben. Das kann auch mal vier Jahre dauern. Aber irgendeinen Sinn wird es dann haben. Das soll natürlich nicht rechtfertigen, was gerade Schlimmes passiert.

Welchen Sinn könnte die aktuelle Pandemie haben?

Das ist natürlich Wahnsinn, wie viele Menschen sterben. Aber auch da hoffe ich, dass ein Augenmerk auf der Frage liegt: Warum passiert sowas? Das passiert, weil Menschen Tiere essen. Es wird jetzt kein komplettes Umdenken geben, die meisten werden diesen Zusammenhang gar nicht mitbekommen. Aber wenn es nur ein Prozentsatz ist, bei dem etwas hängen bleibt, wäre das ja auch schon toll.

Was vermisst Du in der momentanen Situation am meisten?

Den sozialen Kontakt. Ich bin zwar ein Mensch, der gut allein sein kann. Und als freiberuflicher Schauspieler bin ich es auch gewohnt, dass ich mal zwei, drei Monate nichts zu arbeiten habe. Aber momentan trifft man sich ja höchstens mal zu zweit und geht nur spazieren. Es wäre schon schön, sich auch mal wieder in einer größeren Gruppe im Restaurant zu treffen und sich auszutauschen. Das fehlt mir schon extrem und geht mir an die Psyche. Aber man muss neue Wege finden. Jetzt trifft man sich eben über irgendwelche Apps. Vorgestern habe ich zum Beispiel mit Freunden ein Krimi-Dinner gemacht über Facetime.

Und fehlt Dir beim veganen Essen manchmal etwas?

Ich dachte, mir würde ganz viel fehlen, aber mir fehlt überhaupt nichts. Als ich den ersten Grillabend mit einem Kumpel gemacht habe, einem Fleischesser, habe ich veganen Schafskäse und andere tolle Sachen auf den Grill gepackt. Das hat super geschmeckt! Wirklich guten veganen Käse zum Überbacken habe ich allerdings noch nicht gefunden, zum Beispiel für ein Raclette oder eine Pizza. Aber ich bin mir sicher, dass auch da bald was tolles kommen wird.

Wie haben Deine Freunde reagiert, als Du Dich als Veganer geoutet hast?

Ich hatte das Fleischessen immer zelebriert und oft zum Grillabend eingeladen. Ich besaß einen Beefer-Grill mit 900 Grad Oberhitze, der Fett karamellisiert und so weiter. Dass nun ausgerechnet ich vegan geworden bin, war für manche schon ein Schock. Ab und zu wird jetzt noch ein bisschen gestichelt, aber wenn ich sie zum Essen einlade, merken sie auch, dass alles super lecker ist und ihnen nichts fehlt. Und sie waren froh, weil sie die Grillausstattung von mir geschenkt bekommen haben. So haben am Ende alle profitiert. (Lacht.)

Und wie läuft’s bei Dreharbeiten?

Tollerweise sind die Caterer mittlerweile voll darauf eingestellt, vegan zu kochen. Als ich beim Drehstart von „Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers“ angefangen habe, mich vegan zu ernähren, wusste das Catering noch nicht Bescheid. Aber als ich am zweiten Tag gefragt habe: „Leute, könnt Ihr auch vegan kochen?“, haben sie improvisiert und ich habe wirklich toll gegessen. Und bei einer Produktion im letzten Winter haben die Caterer sogar die ganze Woche komplett vegan für alle gekocht, nur an einem Tag gab es etwas extra für die Fleischesser. 

Du stammst aus einer Künstlerfamilie. Wolltest Du auch mal was anderes werden als Schauspieler?

Ich habe ja mit elf angefangen mit der Schauspielerei, neben der Schule. Da war mir schon klar, dass ich das auch später machen will. Aber ich hatte auch Praktika im Kindergarten gemacht, eine Ausbildung zum Erzieher würde mir sicher auch liegen. Letztendlich geht es im Leben ja darum, dass man etwas macht, das einen glücklich macht. Die Arbeit mit Kindern wäre wahrscheinlich genauso kreativ wie die Schauspielerei, und ich hätte sehr viel Spaß dabei.

Dein Bühnendebüt hattest Du im renommierten Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Standst Du unter Erfolgsdruck?

Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern haben mich sogar eher gebremst und wollten, dass ich erstmal die Schule beende. Sie haben mich immer wieder gefragt, ob Schauspielern wirklich das ist, was mich glücklich macht. Mein Vater hatte eine Schauspielagentur und hat sehr darauf geachtet, was ich drehe. Ich hatte die Möglichkeit, mit vielen tollen Schauspielern zu arbeiten, von ihnen zu lernen und mit Demut an das Ganze ranzugehen.

Hast Du schon als Kind die Dinge hinterfragt?

Was die Ernährung angeht, habe ich einfach gegessen, was auf den Tisch kam. Und meine Eltern haben für mich was mit Fleisch drin gekocht. Warum sie selbst sich vegetarisch ernährten, habe ich gar nicht richtig verstanden. Oder ich wollte das vielleicht nicht verstehen, der Genuss ging vor. Und dann denkt man leider nicht weiter, bei mir hat das bis 34 gedauert. Ich finde es schon wichtig, dass man Kindern die Chance gibt, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Aber keine Ahnung, wie ich das machen würde, ehrlich gesagt.

Als Schauspieler musst Du sehr auf Dein Äußeres achten. Wie hältst Du Dich fit?

Je nach Rolle kann ich mich auch mal gehen lassen. Aber ich brauche eine gewisse Grundfitness, damit ich so einen Dreh durchstehe und genug Energie habe. Als ich vegan wurde, habe ich erstmal rapide abgenommen. Das war für mich nicht so gut, weil ich eher dazu neige, zu wenig auf den Knochen zu haben. Aber man muss ja auch erstmal wissen, wo man seine Kohlenhydrate und sein Eiweiß herbekommt, und das neu ordnen. Das ist ja genau wie bei einer Ernährung mit tierischen Produkten. Da muss man sich ja auch erstmal schlau machen, was man zu sich nimmt, wenn man fit werden will.

Wie bist Du vorgegangen?

Ich habe mit meinem Fitness-Trainer einen Ernährungsplan aufgestellt. Er hat mir eine Liste gegeben mit Produkten, die ich als Veganer essen kann, um was für den Muskelaufbau und fürs Energielevel zu machen. Das war wahnsinnig spannend, mir hat sich eine ganz neue Welt eröffnet. Es hat aber schon so drei oder vier Monate gedauert, bis ich merkte: Wow, da ist viel mehr Energie, vor allem morgens bin ich viel fitter. Und was besonders toll ist: Ich habe beim Laufen keine Knieschmerzen mehr, so wie früher.

Du bist auf Klatschseiten und roten Teppichen zu sehen, schöne Frauen an Deiner Seite… Wie erträgst Du die Oberflächlichkeit dieser Welt?

Indem ich mich dieser Welt nicht hingebe. Mit Janin Ullmann hatte ich nicht nur zwölf Jahre lang eine sehr schöne und intelligente Frau an meiner Seite, sondern war auch der Mann an ihrer Seite, da hatte ich einfach sehr viel Glück. Und weil sie auch jemand war, der in der Öffentlichkeit stand, sind wir natürlich auch mal gemeinsam über den roten Teppich gelaufen. Aber wir haben unser Privatleben immer für uns behalten. Und auch jetzt gehe ich nur zu den nötigsten Events. In Klatschzeitschriften sehe ich mich auch nicht gerne, aber die schreiben eh, was sie wollen. Das interessiert mich gar nicht.

Sind Deine Freunde denn ganz »normale« Menschen?

Normal ist keiner von denen. Wäre ja langweilig. (Lacht.) Von meinen Freunden hat aber keiner was mit Medien oder Film zu tun. Ich liebe meinen Beruf und die Branche, so verrückt sie ist, aber ich brauche auch den Ausgleich und andere Gesprächsthemen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich hier in Hamburg meine Familie und meine Freunde habe.

Als Schauspieler musst Du Dich gut in andere Menschen hineinversetzen können. Hilft Dir das im Umgang mit Nicht-Veganern?

Ja, bestimmt. Ich bin eh schon ein sehr empathischer Mensch und versuche immer zu verstehen, warum Menschen die Dinge machen, die sie tun. Das ist ja genau das, was meinen Beruf ausmacht: Wenn ich einen Mörder spiele, spiele ich ja nicht nur jemanden, der jemanden umbringt. Sondern der hat ja irgendeinen Beweggrund: Was ist bei ihm in der Kindheit passiert? Wie ist aus ihm geworden, was er heute ist? Das finde ich so spannend an den Menschen. Wir leben gerade in einer Umbruchsphase. Die vegane Bewegung ist für mich selbst noch Neuland. Deswegen kann ich anderen Leuten gar nicht groß Vorwürfe machen. Ich habe es ja auch erst vor einem Jahr gecheckt. Wenn ich mit jüngeren Leuten spreche, sind die oft schon viel gefestigter, was Umweltbewusstsein oder auch die vegane Küche angeht. Und ich hoffe, dass man in zehn, zwanzig Jahren sagt: „Oh Gott, wie konnte man denn damals Tiere essen?“

Ein Sendungsbewusstsein hast Du nicht?

Nein, weil mich das früher an Vegetariern und Veganern auch genervt hat. Ich kann ja verstehen, woher das kommt. Weil man denkt: „Leute, Ihr seid alle auf dem falschen Pfad! Das müsst Ihr doch checken! Meine Fresse, das kann doch nicht wahr sein!“ Natürlich würde ich das auch jedem gerne sagen, der da gerade einen Milchshake trinkt oder einen Burger frisst. Aber ich denke: So hat man mich auch nicht erreicht. Wenn aber wie neulich ein guter Kumpel beim Radfahren von Essen und Steak anfängt, dann versuche ich, ruhig zu argumentieren und wirklich nur die Fakten darzulegen. Was das dann bedeutet, muss jeder selbst kapieren.