Leb wohl, liebe Barbara!

Die Schauspielerin, Bestseller-Autorin, Ernährungsspezialistin und Gesundheitsberaterin engagierte sich über Jahrzehnte für Menschen, Tiere und die Umwelt. Sie beeindruckte Menschen gerade durch ihren kompromisslosen Einsatz gegen Tierleid. In den letzten Jahren lebte Barbara Rütting konsequent und überzeugt vegan. Im Gedenken an Barbara Rüttung bringt VEGANMAGAZIN hier das erst neulich in der Druckausgabe erschienene Interview mit ihr.

Du warst Schauspielerin, wurdest dann Autorin, Aktivistin, Politikerin – was war/ist aus deiner Sicht die wichtigste Mission in deinem Leben? Alles ist miteinander verbunden, deshalb ist für mich der Schutz von Mensch, Tier und Umwelt untrennbar.

Das Alter scheint für dich wirklich nur eine Zahl zu sein, denn an den Ruhestand denkst du auch mit 91 nicht. Woher nimmst du all diese unglaubliche Energie? Was treibt dich immer noch an? Weil es getan werden muss! Diesen Satz habe ich dem Polizisten geantwortet, als er mich 2015 im Alter von 87 Jahren bei der Atombombenblockade in Büchel festnahm.

Du warst 2017 nicht nur die älteste Bundestagskandidatin, sondern hast auch noch in deinem Wohnort das beste Wahlergebnis für die V-Partei geholt. Hättest du damit gerechnet? Ja, denn ich hatte im Jahr 2014 ein ähnliches Ergebnis für die Tierschutzpartei erreicht.

Eine politische Karriere hattest du ja bereits von 2003 bis 2009 bei den Grünen. Was lief damals schief? Die Fraktion der Grünen hatte mich nur als Stimmenfängerin vorgesehen und war entsetzt, als ich gewählt wurde. Man legte mir sogar nahe, das Mandat nicht anzunehmen. Es fielen Sätze wie »die alte Schachtel soll doch die Klappe halten – in anderthalb Jahren  haben wir die sowieso fertig gemacht« etc. Das hat dann allerdings sechs Jahre gedauert.

Warum nun ein neuer Versuch mit der V-Partei? Der Tierschutz war für die Grünen nur eine Lachnummer und für die V-Partei ist es eine Herzensangelegenheit.


Welche Themen sind dir außer dem Tier– und Umweltschutz und einer veganen Lebensweise besonders wichtig? Ebenso wie für ein selbstbestimmtes Leben der Menschen setze ich mich auch für ein selbstbestimmtes Sterben ein. Deshalb habe ich 2016 im Internet eine Petition gestartet »Gestorben wird Zuhause – Ja zum begleiteten Sterbefasten. Dafür brauchen wir ein Gesetz!«

Finden sich all diese Themen im Programm der V-Partei wieder? Ja, sogar diese Petition hat sie ins Wahlprogramm aufgenommen.

Du selbst lebst mittlerweile vegan, findest eine vegetarische Ernährung aber nach wie vor okay. Dabei verursacht gerade auch die Milchindustrie tagtäglich unglaublich großes Tierleid. Wie passt das für dich als Tierschützerin zusammen? Meine Erfahrung zeigt, dass Menschen meistens kleine Schritte brauchen. Ich wurde vor fast 50 Jahren Vegetarierin und dachte, das genügt, bis ich vor ca. sechs Jahren beschloss, den Schritt zur veganen Ernährung zu gehen, denn auch den Bio-Kühen werden die Kälbchen entrissen, die männlichen Küken werden geschreddert. Konsequenter Tierschutz heißt also vegan leben. Wir sollten aber nicht jeden als Tiermörder beschimpfen, der noch einen Krümel Käse auf der Pizza hat oder einen Klacks Sahne in der Soße.

Wie wurde aus der umschwärmten Schauspielerin Barbara Rütting eine engagierte Aktivistin und worum ging es bei deiner ersten Aktion? Als ich dachte, die Beschäftigung mit diesem globalen Tierleid bringt mich um – ich halte es nicht aus – bekam ich den Brief eines Eisenbahners. Er musste täglich die Käfige mit Versuchstieren, die in einem erbärmlichen Zustand waren, für Labore umladen und schrieb, wenn ich meinen Mund aufmache, verliere ich nur meinen Job, wenn Sie Ihren Mund aufmachen, hört vielleicht jemand hin. Damals habe ich mir gesagt, ich werde meinen Mund aufmachen, so lange ich nach Luft schnappen kann. Und ich habe festgestellt, die Menschen hören hin.
Zum ersten Mal habe ich 1961 an der Demonstration in München gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands teilgenommen. Wir waren so voller Hoffnung… Heute ist Deutschland einer der größten Waffenhersteller und Exporteure.

Du hast mit Topstars wie Klaus Kinski, Maximilian Schell, Gert Fröbe, Kirk Douglas u.v.a. Kollegen gearbeitet. Hast du nie bereut, deine großartige Karriere an den Nagel gehängt zu haben? Nein, nie! Meine oben genannten Themen wurden wichtiger.

Du hast schon so viel erreicht. Gibt es trotzdem etwas, was du unbedingt noch schaffen möchtest? Ich würde gerne noch erleben, dass die Begleitung Sterbefastender durch Ärzte oder Pflegepersonal gesetzlich zugelassen wird.

Wenn du heute drei Wünsche frei hättest, welche wären das? Ich möchte gern irgendwann mal gesund sterben, vorher aber noch die Ausbildung zur Tierkommunikatorin machen, und drittens wünsche ich mir, an der Welt, wie sie jetzt ist, weniger zu leiden.

Hast du selbst Angst vor dem Tod? Vor meinem eigenen Tod nicht – aber vor dem meiner Lieben.

Lebst du immer noch mit Hund und Katze in deinem Häuschen im wunderschönen Spessart? Mein Kater Sweetie ist schon über die Regenbogenbrücke gegangen. Meine Hündin Lola und ich freuen sich aber über einen Neuzugang – zu der Wahlenkelin Manuela, die die meisten von Euch ja schon kennen, hat sich ein Wahlenkel gesellt. Ein 29jähriger Bursche aus Kasachstan, der eine Ausbildung zum Altenpfleger macht ist in meine leerstehende Einliegerwohnung eingezogen.

Wer kümmert sich um dich, wenn du Unterstützung brauchst? Ich bin umgeben von guten Freunden und meinen beiden Wahlenkeln.

Können wir es aus deiner Sicht noch schaffen, die Welt wieder zu einem besseren Ort zu machen? Aber ja doch!

Was müssten wir dafür tun? Tue was Du kannst, mit den Mitteln die Du hast, an dem Ort, an dem Du bist.